Fliegen mit Handicap über dem Fünfseenland
Die Fluggäste mit Betreuern, Freunden und Piloten vor der Do 27 der Flugsportgruppe in Oberpfaffenhofen.
Oberpfaffenhofen - "Alle, auch die, die vorher Riesenmuffensausen hatten, waren völlig begeistert...", fasst Karoline Zehentner, Fallschirmsprung-Lehrerin in der Flugsportgruppe im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (FSG im DLR) in Oberpfaffenhofen den unerwarteten Erfolg einer für alle Beteiligten bis dahin neuen Flugerfahrung zusammen. Spontan hatten zwei Piloten der FSG mehreren an den Rollstuhl gefesselten Schwerbehinderten bei einem von Karoline Zehentner organisierten Besuch im DLR zu den ersten Flügen ihres Lebens und damit zu vollkommen neuartigen Eindrücken Hauptberuflich leitet Karoline Zehentner eine der fünf Werkstattgruppen des Münchner Förderzentrums in Giesing, einer Einrichtung für Patienten mit frühkindlichen Hirnschäden, aber auch für Unfall- oder Schlaganfallopfer, die im Volksmund oft einfach pauschal als Spastiker bezeichnet werden.
Das Münchner Förderzentrum besteht aus einem Wohnheim und einer Förderstätte für die Behinderten. Die Idee zu einem Besuch bei der Flugsportgruppe hat eine längere Vorgeschichte. Karoline Zehentner erzählt, wie es zu der ungewöhnlichen Aktion kam: "Bei der Arbeit kann ich es natürlich nicht lassen, immer mal wieder vom Fliegen und vor allem vom Fallschirmspringen zu erzählen. An diesem Tag hatte es sich gerade angeboten, dass eine Wohnheimgruppe diesen Ausflug machen konnte".
So machten sich dann eines morgens acht Behinderte und zwei weitere Betreuer neben Karoline Zehentner von Giesing aus in Richtung Sonderflughafen Oberpfaffenhofen auf. Ursprünglich waren Rundflüge gar nicht geplant, sondern "Sie wollten mich nur aus unserer Do 27 vom Himmel fallen sehen", erklärt die begeisterte Fallschirmspringerin Karoline Zehentner die Wunschvorstellungen der Behinderten aus ihrer Gruppe. Aber beim reinen Zuschauen blieb es nicht. Als die Fallschirmsprung-Lehrerin nach ihrem Sprung aus der Do 27 wieder mit dem Fallschirm gelandet war und den zufällig anwesenden Piloten und Flugzeugwart Jochen Bettendorf, sowie den Fluglehrer Andreas Wild fragte, ob sie vielleicht auch im Flugzeug ein oder zwei Runden mit den Besuchern drehen könnten, erklärten diese sich sofort bereit, gleich alle acht Besucher des Münchner Förderzentrums einmal in die Luft zu bringen.
Rein technisch gestaltete sich für Behinderte und Betreuer der Ortswechsel vom Rollstuhl ins Cockpit der beiden viersitzigen Piper-Maschinen nicht ganz einfach. Karoline Zehentner: "Es war natürlich ein Riesengewürge, die Jungs und Mädels in unsere nicht gerade behindertengerechten Flugzeuge zu verfrachten, aber das Resultat war Belohnung genug für den vielen vergossenen Schweiß". Und Pilot Jochen Bettendorf ergänzt: "Für jemand, der sich nicht richtig bewegen kann, ist das schon sehr eng in so einem kleinen Flugzeug. Aber wir haben mit vereinten Kräften alles gut gemeistert und hatten viel Spaß bei allem".
Die neugierigen, aber zum Teil auch noch etwas furchtsamen Passagiere halfen so gut sie konnten mit, sich in die engen Cockpits hineinzufädeln. Dennoch war es für die beiden Piloten ebenfalls eine ganz neue Gastflug-Erfahrung. Und was es für einen normalerweise an den Rollstuhl gefesselten Menschen bedeutet, sich in die Luft zu erheben und frei wie ein Vogel an einem schönen Sommertag über dem bayerischen Oberland zu fliegen, kann wohl kein gesunder Mensch wirklich nach empfinden. "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ...". An diesem Tag wurde der Text des bekannten Liedes von Reinhard Mey für acht junge Menschen Wirklichkeit, die sicher noch am selben Morgen nicht im Traum daran gedacht hätten, die Erde mit ihren Zwängen und Beschränkungen so plötzlich einfach einmal hinter sich lassen zu können.
Viel zu schnell waren bei dem guten Wetter die Rundflüge vom Fünfseenland aus in Richtung München mit den acht ungewöhnlichen Passagieren vergangen. Und auch bei den anfangs etwas ängstlicheren Naturen herrschte nun Begeisterung vor und die Befriedigung, die eigenen Grenzen wieder einmal überwunden zu haben. Die beiden Piloten Andreas Wild und Jochen Bettendorf hat dieses außergewöhnliche Flugerlebnis obendrein so sehr beeindruckt und ihnen so viel Freude bereitet, dass sie spontan die Kosten für die Flüge aus der eigenen Tasche sponserten. Andy Wild beschreibt es so: "Dies Erlebnis hat mich menschlich sehr berührt. Viele der Behinderten haben mir spontan die Hand hingestreckt - sie konnten sich zwar nicht artikulieren, aber diese Geste sagte mehr als alle Worte".
Nach dem obligatorischen Erinnerungsfoto vor der Do 27 der Flugsportgruppe mussten die Besucher aus dem Münchner Förderzentrum mit Ihren Betreuern zwar schon bald wieder vom Sonderflughafen in Oberpfaffenhofen nach Giesing zurück fahren, aber alle Beteiligten waren sich einig: Das darf keine einmalige Aktivität bleiben. Karoline Zehentner: "Wenn alles hinhaut, gibt es am 14. September nochmals die Gelegenheit für einen Ausflug in den weiß-blauen Himmel Oberbayerns".